
Depressionen beim Mann
Er jammert nicht, aber er bringt sich um
Erst nach dem Suizid von Robert Enke wurde bekannt, dass der Nationaltorwart an schweren Depressionen gelitten hat. Selbst Menschen aus seiner nächsten Umgebung ahnten nichts von seiner Erkrankung. Sind Depressionen bei Männern immer noch ein gesellschaftliches Tabu? Die Fachzeitschrift MMW sprach mit Privatdozentin Dr. rer. soc Anna Maria Möller-Leimkühler.
MMW
Die Depression gilt immer noch als typische Frauenkrankheit. Ist das eigentlich richtig?
Möller-Leimkühler
Nein, Depression gibt es auch bei Männern, nur ist sie bei ihnen erheblich unterdiagnostiziert, das belegen internationale Bevölkerungsstudien. Dass Depressionen speziell bei Männern unterdiagnostiziert werden, zeigt auch das Geschlechterparadox bei Depression und Suizid: Männer haben eine mindestens dreimal höhere Suizidrate als Frauen, aber bekommen nur halb so häufig die Diagnose Depression. Dabei sind Depressionen die Hauptursache für Suizidalität. Männer vermeiden es auch, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil das mit ihrem männlichen Rollenbild nicht zusammenpasst (stark und autark sein, seine Probleme selbst lösen zu können). Es gibt keine substanziellen Belege dafür, dass Männer ein geringeres Depressionsrisiko haben als Frauen.
MMW
Wie häufig ist die Depression bei Männern im Vergleich zu Frauen?
Möller-Leimkühler
Umgekehrt formuliert: Frauen haben ein zwei- bis dreimal höheres Risiko, im Lauf ihres Lebens an einer Depression zu erkranken. Depressionen nehmen, insbesondere bei jüngeren Geburtskohortenzu. Sie sind auch immer öfter der Grund für Krankschreibungen und Frühberentungen, auch bei Männern, wie zum Beispiel dem jüngsten DAK-Bericht zu entnehmen ist.
MMW
Sind Depressionen bei Männern schwerer zu diagnostizieren als bei Frauen?
Möller-Leimkühler
Depressionen können sich bei Männern anders als mit den klassischen „weiblichen“ Symptomen wie Traurigkeit oder Antriebsminderung äußern. Die depressiven Kernsymptome, die bei schweren Depressionen bei Männern und Frauen gleich sind, können bei Männern durch externalisierende Stressverarbeitungsmuster maskiert bzw. kompensiert werden, zum Beispiel durch Aggressivität, Ärgerattacken, erhöhte Reizbarkeit, antisoziales und/oder süchtiges Verhalten (Alkohol, Arbeit, Sport, Fernsehen, Internet, Sex ...) und Risikoverhalten, zum Beispiel im Straßenverkehr – was auch als „männliche Depression“ bezeichnet wird. Diese externalisierenden Symptome sind nicht in den üblichen Depressionsinventarien enthalten, sodass Männer ein größeres Risiko haben, durch das diagnostische Raster zu fallen.
MMW
Wie unterscheiden sich die Symptome zwischen den Geschlechtern?
Möller-Leimkühler
Während Frauen ihre Probleme internalisieren, grübeln und mit Selbstbeschuldigung reagieren, agieren Männer ihre Probleme aus: Sie erhöhen ihren Alkohol-, Nikotin- oder Drogenkonsum (Eigentherapie zur Stressreduktion), werden aggressiv, gehen Risiken ein und geben anderen die Schuld. Depression passt nicht in die traditionelle Maskulinitätsideologie, weil sie als weiblich gilt. Frauen suchen Hilfe, Männer flüchten lieber in den Alkohol oder Suizid. Der unterschiedliche Umgang mit depressiven Symptomen ist einerseits sozialisatorisch, andererseits auch biologisch bedingt: Männer neigen bei Stress zum testosterongesteuerten „fight or flight“. Bei chronischem Stress kann dieses Muster zu selbst- und fremdschädigendem Verhalten führen. Männlichkeitsnormen haben viel mit Selbst- und Fremdschädigung zu tun.
MMW
Welches sind die wichtigsten Risikofaktoren bei Männern?
Möller-Leimkühler
Die wichtigsten Risikofaktoren sind soziale Stressoren, die mit der Geschlechterrolle und der entsprechenden Lebenswelt zu tun haben. Bei Männern sind dies vor allem Stressoren, die ihren sozialen Status bedrohen: Alleinleben, Trennung/Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes, Pensionierung, eine chronische körperliche Erkrankung, berufliche Gratifikationskrisen. Wie vulnerabel (empfindlich) Männer hinsichtlich sozioökonomischer Stressoren sind, zeigen zum Beispiel die dramatisch gestiegenen Morbiditäts- und Mortalitätsraten in Osteuropa und Russland nach dem Zusammenbruch des Sozialismus.
MMW
Welche Therapieansätze gibt es, die speziell Männern zugutekommen?
Möller-Leimkühler
Es gibt keine speziellen Therapieansätze für depressive Männer. Für Männer und Frauen gilt gleichermaßen, dass eine Kombination von Antidepressiva und Psychotherapie am erfolgversprechendsten ist. Da Männer dazu neigen, zunächst alles abzulehnen, was mit „Psycho“ zu tun hat, müssten sie spezieller informiert und motiviert werden. Die Kommunikation mit männlichen Patienten könnte wesentlich verbessert werden, was auch die Compliance und die Bereitschaft, Hilfe zu suchen, fördern würde.
MMW
Frauen jammern, Männer bringen sich um – bringt das das Problem auf den Punkt?
Möller-Leimkühler
Ja. Das Problem sind soziokulturelle Vorstellungen über adäquates geschlechtstypisches Verhalten. Frauen dürfen stark sein, sie dürfen traditionell aber auch schwach sein und Hilfe in Anspruch nehmen, ohne dadurch stigmatisiert zu werden. Traditionellen Geschlechterstereotypen entsprechend wird Hilfesuche bei Männern als unmännlich angesehen und ein Suizid, wenn er erfolgreich durchgeführt wird, als männliches rationales Verhalten bewertet (Rettung des Selbstwertgefühls, handeln wie ein Mann). Wenn eine Depression nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird, ist die Prognose schlecht, da sie zu Erwerbsunfähigkeit und Frühberentung führen kann und oft mit Suchterkrankungen, Somatisierungsstörungen, kardiovaskulären Erkrankungen, oder Diabetes assoziiert ist. Außerdem ist das Mortalitätsrisiko erhöht, entweder durch Suizid oder durch kardiovaskuläre Folgeerkrankungen.
Glossar:
Geburtskohorte: Gruppe von Geburtsjahrgängen mit willkürlicher Abgrenzung - z.B. alle Menschen, die zwischen 1980−1989 in der Bundesrepublik Deutschland geboren wurden.
Externalisierung: „Nach-Außen-Verlagerung“
Internalisierung: „Verinnerlichung“ , „Nach-Innen-Verlagern“ Sozialisation (lat. „sociare“ = „verbinden“): Wechselspiel zwischen Individuum und seiner persönlichen, materiellen und sozialen Umgebung, das der Entwicklung der Persönlichkeit und der Beziehungsfähigkeit dient. Im Verlauf der Sozialisation erfolgt eine zunehmende Verinnerlichung sozialer Normen und damit auch eine mehr oder weniger weitgehende Anpassung an gesellschaftliche Denk-, Handlungs- und Gefühlsmuster.
„fight or flight“: „Kampf oder Flucht“
Morbidität: Krankheitshäufigkeit, bezogen auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe.
Mortalität: Sterblichkeit bzw. Sterblichkeitsrate, bezogen auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe.
Compliance: „Therapietreue“ - beschreibt, ob und wie ein Patient die verordnete Therapie akzeptiert, diese beibehält und während der Behandlung ggf. mit dem Arzt kooperiert.
Somatisierungsstörung: Charakteristisch sind multiple, wiederholt auftretende und häufig wechselnde körperliche Beschwerden, die wenigstens zwei Jahre bestehen. Die Symptome können sich auf jeden Körperteil oder jedes System des Körpers beziehen. Die Untersuchungsbefunde (Labor, bildgebende Verfahren wie z.B. Ultraschall und Röntgen, Biopsien etc.) erklären die Beschwerden nicht hinreichend oder sind sogar vollkommen altersgerecht. Der Verlauf der Störung ist chronisch-fluktuierend (zu- und abnehmend) und häufig mit einer langdauernden Störung des sozialen, zwischenmenschlichen und familiären Verhaltens verbunden.
Kardiovaskuläre Erkrankungen: Herz-Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.





